Freitag, 6. November 2015

Gedankensplitter zu "Montessori von Anfang an"

Da ich das Buch "Montessori von Anfang an. Ein Praxishandbuch für die ersten drei Jahre des Kindes " von Paula Polk Lillard und Lynn Lillard Jessen erneut gelesen habe, habe ich nun einige Gedanken dazu aufgeschrieben. Das Buch ist 2012 im Herder Verlag erschienen.



Das Werk beinhaltet folgende Kapitel:

  • Der Selbstaufbau des Menschen
  • Das Neugeborene willkommen heißen
  • Die Welt erobern
  • Die Hand und das Gehirn
  • Zur Koordination krabbeln
  • Praktisches Leben
  • Sorge für die eigene Person
  • Sprache und Intelligenz
  • Die Entwicklung des Willens
Das Buch beschreibt sehr gut wie man Kleinkinder darin unterstützen kann, vieles selbstständig zu tun, indem man die Umgebung des Kindes vorbereitet und sich selbst zurückhält und beobachtet. Für jede Altersstufe werden passende Übungen und Materialien beschrieben, die man anbieten kann, um das Kind auf seiner jeweiligen Entwicklungsstufe zu unterstützen.
Der Grundgedanke, der dieser Pädagogik zu Grunde liegt, ist der des menschlichen Selbstaufbaus. Der Mensch kommt nach Montessori nicht "fertig" zur Welt, sondern er entwickelt sich nach einem eigenen inneren Bauplan in der aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt. Das Kind entwickelt seine Fähigkeiten erst durch das Lernen und daher spielen die Umgebung des Kindes und die Menschen darin eine bedeutende Rolle.
Im Buch wird genau beschrieben wie sich die Autoren die optimale Umgebung für das Neugeborene vorstellen und wie das Baby sich darin entwickelt und aus eigener Kraft den Raum erobert.
Die Wichtigkeit der Feinmotorik wird betont und dass man genau beobachten soll, worin sich die Hände üben, um Materialien zum Üben der Fingerfertigkeit bereit stellen zu können, welche den passenden Schwierigkeitsgrad haben. Hand und Gehirn stehen in direkter Verbindung miteinander, die Vernetzung im Gehirn wird durch Tätigkeiten mit der Hand verstärkt.

Interessant fand ich im Buch das Kapitel über den Umgang mit der kindlichen Wut bzw dem kindlichen Willen. Bekommt ein Kleinkind einen Wutanfall, weil es zum Beispiel etwas haben möchte, dann hilft es oft nichts dem Kind Argumente zu nennen, weil es damit noch nichts anfangen kann. Es kommt mit seinen Gedanken nicht vom gewünschten Gegenstand weg.
Es werden zwei Möglichkeiten genannt, wenn man einen kindlichen Wutanfall verhindern möchte.
1. Zwei Dinge zur Auswahl anbieten: Will das Kind sich die Mütze nicht aufsetzen, dann kann man zB fragen: "Willst du die rote oder die blaue Mütze aufsetzen?" So gelingt es unter Umständen den Gedanken des Kindes vom Nicht- Wollen abzulenken.
2. Wegführen und eine fürs Kind interessante Tätigkeit anbieten: Auch auf diese Weise hilft man dem Kind seine Gedanken auf etwas anderes zu richten.

Wenn das Käferle übrigens einen Wutanfall hat und sich nicht ablenken oder trösten lässt, dann ist es für mich hilfreich, ihre Wut zu akzeptieren. Sie hat ein Recht auf ihre Wut und es ist ihr Gefühl und nicht meines. Irgendwann kommt sie dann selbst und lässt sich trösten.

In einigen Bereichen kann ich die Auffassungen der Autoren überhaupt nicht teilen und empfinde die Vorgehensweisen, zu denen sie raten, als sehr hart.
Schlafen: In den ersten Lebensmonaten solle das Kind lernen alleine einzuschlafen und bald auch durchzuschlafen. Auf das Weinen des Babys sollte man nicht zu rasch reagieren, so helfe man dem Baby alleine zu schlafen. Das Baby soll unbedingt im eigenen Zimmer bei verschlossener Tür schlafen. Die beschriebene Methode erinnert mich etwas an Methoden des Schreien- Lassens, die wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge ungesund sind.
Stillen: Zwar gehe ich mit den Autoren konform, dass Stillen prinzipiell das beste für das Baby ist, aber ich finde es ist ebenso in Ordnung Babys mit künstlicher Babynahrung zu füttern. Außerdem verstehe ich nicht, warum die Autoren empfehlen mit zirka 8 Monaten abzustillen.
Tragen: Es wird geraten, Kleinkinder, die bereits laufen können, nicht auf den Arm zu nehmen und zu tragen. Diese würden sich daran gewöhnen und hätten zwei gesunde Beine zum Laufen. Babys sind aber Traglinge und das Bedürfnis getragen zu werden oder hoch genommen zu werden, endet nicht ab dem Zeitpunkt, wo sie selbst laufen können.
In manchen Punkten ist mir "Montessori von Anfang an" zu starr, zu sehr Programm! Kinder zu selbstständigen Persönlichkeiten zu erziehen ist ein ehrenwertes Ziel, aber dieses Buch vermittelt den Eindruck, dass eine enge und innige Bindung zu den Eltern diesem Ziel hinderlich ist.
Ich glaube hingegen, dass eine sehr innige und enge Beziehung in den ersten Jahren, Kinder gerade dazu befähigt, später ein eigenständiges Leben zu führen und Verantwortung zu übernehmen. Für mich passen Montessori, bedürfnisorientierte Erziehung (Tragen, Familienbett, Langzeitstillen,...) wunderbar zusammen.

© Kleine Mami

Vor Kurzem habe ich das Käferle übrigens auf dem Sofa sitzend mit meinem Ebook-Reader angetroffen. Sie grinste und sagte: "Montessori".
Wie die Mutter, so die Tochter....

Kommentare:

  1. Liebe Gertraud!
    Vielen Dank für den tollen Artikel! Ich denke, dass man bei Montessori sich doch immer im Hinterkopf behalten sollte, dass alles vor 200 Jahren entstanden ist und es doch eine andere Zeit war.. Für mich gehören Montessori und eine bedürfnisorientierte Beziehung auch zusammen und beides ergänzt sich wunderbar :)
    Zum Thema Wut möchte ich noch anfügen, dass unser Tiger eher noch wütender wird, wenn wir versuchen, ihn abzulenken.. Bei uns funktioniert es bei weitem besser, wenn er eine kurze Erklärung bekommt, warum etwas nicht so ist, wie er es gerne möchte. Wir konnten mit erklären schon viele sich anbahnende Wutanfälle abschwächen - aber da ist vermutlich auch jedes Kind anders ;-)
    Herbstliche Grüße,
    Ricarda

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    1. Liebe Ricarda!
      Mich hat erstaunt, dass die Autoren zu solchen Vorgehensweisen raten, die ja in unserem modernen Zeitalter leben. Ich denke es ist einfach wichtig, dass man beim Lesen kritisch ist und nicht alles 1:1 übernimmt und sich eine eigene Meinung bildet.
      Beim Käferle funktionieren Erklärungen auch oft (aber nicht immer).Die Aussage, dass Argumente oft nichts bringen, wurde im Buch getroffen. Die von Montessori als "Krise des Ungehorsams" betitelte Entwicklungsphase steht uns beiden noch bevor ;-) Wir dürfen gespannt sein, hihi...
      Glg Gertraud

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  2. Ach ja, und vielen lieben Dank für die Verlinkung auf deiner Seite!! Hab mich schon gewundert, woher die ganzen Besucher kommen *hihi*
    Vielen Dank!!

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    1. Das wollte ich schon längst machen, weil ich deinen Blog so liebe und wahnsinnig gerne lese!!!!!

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